Kurt #Tucholsky ★ Ideal und Wirklichkeit /rezitiert von G. Pfitzmann, auf YouTube

Günter Pfitzmann, 1985
◆ Ideal und Wirklichkeit ◆
von Kurt Tucholsky, 1929

In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern, Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.

Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst, und nachher kriegst du’s nie
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke

C’est la vie !

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt 

Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke 
C’est la vie !

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah, beinah 

Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik – und nun ist’s die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie !

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